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Neue Edition von Giovanni Frangi

Giovanni Frangi, einer der führenden Künstler in der zeitgenössischen italienischen Malerei, und die Galerie Edition Raphael präsentieren "Estate in Città", eine Folge von 6 Original Aquatintaradierungen.  

Die großformatigen Radierungen (56 x 76 cm) zeigen auf beeindruckende Weise die künstlerische Größe Giovanni Frangis. Obwohl der klassische Maler Frangi nur wenig Erfahrungen im Bereich der Druckgrafik und deren diversen Techniken hatte, schien er sich innerhalb kürzester Zeit das Medium zu Eigen gemacht zu haben und fertigte mit der ihm typischen, energetisch kraftvollen Art die Druckplatten für diese Edition.
Inspiriert von seinem aktuellen Sujet in der Malerei (Giardini pubblici - öffentliche Parks), transportierte er seine Ideen gekonnt auf das neue Medium und schuf damit ein ehrwürdiges Pendant zu seinen monumentalen Leinwänden, die zum Beispiel in Einzelaustellungen im Museo Diocesano in Mailand (2011) und im Museo di Arte in Rovereto (2010) gezeigt wurden. Link zu Giovanni Frangi auf galerieraphael.com

frangi

Der italienische Kunstkritiker und Psychoanalytiker Massimo Recalcati schrieb dazu im Katalog "Giovanni Frangi - la règle du jeu (six gardens/sei giardini)":

“Im Wesentlichen gehe ich bei meiner Malerei von Reflektionen über die Natur aus: ich arbeite mit selbst aufgenommenen Fotographien. Diese Fotographien sind die Basis für meine tägliche Arbeit als Maler, indem sie dann irgendwann zum Input werden um ein Bild zu malen…Ich interessiere mich für die Formen, Formen für die mir die Natur die Inspiration gibt. Eine Form zu erarbeiten bedeutet sie in ihrer Realität gleichsam zu abstrahieren.” (Giovanni Frangi)
Das Motiv, um das sich alle 6 Werke ranken die hier vorgestellt werden, ist eine Komposition aus Baumstämmen und schrägen Schatten, die sich längs einer Szene der Stille ausbreiten. In “Giardini pubblici” (Parks) gibt es keine menschlichen Figuren, weder hier noch auf einem anderen Bild der Serie. Das Gedächtnis entleert sich der Namen, der Gesichter, der Personen, der Geräusche und der Töne. Der belebte und geschäftige Ort, der sonst voller Leben ist, der Park, ist wie entvölkert. Einzig die nackten, gekappten Silhouetten der Bäume bleiben, und die einsamen Schatten. […]
Wenn man zum 1. Bild der Serie zurückkehrt, werden die unendlich vielen
Möglichkeit der Ansicht deutlich. Kein Objekt ist das Abbild eines anderen, und das obwohl alle Arbeiten Spielarten einer einzigen Matrix sind. Während im Kubismus die unzähligen Schattierungen des Objekts im Raum zusammenlaufen um dem zeitlichen Aspekt der langsam gereiften Wahrnehmung Raum zu geben, wurde hier eine andere Option ausgewählt. Die verschiedenen Ansichten auf ein und das selbe Objekt inspirieren zu unterschiedlichen Arbeiten, zu einer Serie bei der ein einziges Bild den ganzen Raum einnimmt, in dem es vervielfältigt wird. Jedes Mal scheint dasselbe Bild neu und das Neue dasselbe Bild zu sein. […]
Das Wechselspiel zwischen der Silhouette der Bäume und den Schatten wird jedes Mal wieder hergestellt durch gewollte Änderungen der Proportionen. Aber woher stammen diese Schatten? Sie scheinen von einem anderen Ort zu kommen. Freud hätte gesagt von einer “anderen Bühne”, von außerhalb des Bildes, vom Unbewussten des Sichtbaren. Sie scheinen sich vom eigentlichen Körper des Objektes zu lösen und sich zu verlängern, zu erweitern, zu verformen. Die Wirkung ist gespenstisch düster: Sind es Gespenster? Sind es die verzauberten Wesen, die vor den Augen der Kinder im Wald erscheinen? Sind es chinesische Schattenspiele? Anamorphosen? Deuten sie die Jahreszeiten an? […]
Ist es die Auswirkung der Zeit, die das Bild wandelt und transformiert, und es dennoch immer so lässt wie es ist? In diesem wie auch dem anderen Fall bleibt von der natürlichen Funktion des Baumes nichts mehr übrig. Unsere Wahrnehmung wird komplett auf den Kopf gestellt. Der Blick auf die Natur macht Platz für neue Spielregeln; für die maßgebende Regel der Abstraktion des Gegenständlichen. Das Gefühl der Zugehörigkeit (appaesamento) zu einem Ort der Stille und des Alltäglichen wie dem eines Parks (sind wir wirklich in einem Park?) muss dem Schwindelgefühl des Anonymen und Unpersönlichen (spaesamento) weichen. Jacques Lacan hatte diesen gedanklichen Kurzschluss mit der Erfahrung des Verwirrenden in dem Neologismus “extimité” (ital. estimità) auf den Punkt gebracht, der so unterschiedliche und gegensätzliche Gefühle wie die “intimità” (Vertrautheit) mit der “estraenità” (Nichtzugehörigkeit) verbindet. Sind nicht etwa diese Silhouetten, die Bäume und die Schatten ein Ausdruck dieser “estimità”? Das Vorkommen bekannter, vertrauter, selbstverständlicher und familiärer Erscheinungen, die jedoch ganz plötzlich zu Erscheinungen einer rätselhaften Ferne werden können, einer “estraneità”. Zu einer Abkehr, zum Abschalten des gewöhnlichen Systems der Benennungen. Was stellen diese Figuren dar? Bäume? Schatten? Woher kommen sie, wo sind sie? Was bedeuten sie? Welche Regel steckt hinter dem Spiel? Diese Objekte erscheinen uns wie von der Welt abgetrennt, außerhalb der Bühne der Welt, nicht in diese Verkettung der fundierten Verweise eingebunden, die nach Heidegger das Phänomen der Welt ausmachen. […]
Bei der lyrischen und leidenschaftlichen Darstellung der Natur, die typisch für Frangi ist, scheint hier der unbekannte Raum der Meditation vorzuherrschen. Was war geschehen? Was geschieht? Was wird geschehen? Was herausgestellt wird ist nicht einfach das Vorhandensein einer Bedrohung. Die Atmosphäre, die diese Arbeiten umgibt ist vor allem gekennzeichnet von Erwartung. Eine Erwartung an was? An ein Gefühl, das diese Einsamkeit rechtfertigt? […]
Und dennoch, die Intensität dieses Zyklus basiert vor allem darauf, das Bild festzuhalten, es wie in einer Leere der Sinnhaftigkeit aufzuhängen und das reine Gefüge der Zeichen hervorzuheben. Was zählt ist allein die stille und rätselhafte Existenz der Baumstämme und Schatten. […]
Schnell hat man vor dem geistigen Auge eine ganze Literatur über Parks und verwirrende Begegnungen. Tatsächlich wurde der Park häufig zur Bühne der Begegnung, bei der der rätselhafte Charakter der Existenz auftaucht. Die gewöhnliche Bühne der Welt wird zerlegt in ihre Einzelteile, sie geht aus den Fugen, sie löst sich auf in ihre Fasern, weil das Reale an die Oberfläche kommt, das man lieber weggeschoben hätte, das sich hingegen aufdrängt, indem es den Rahmen der gewohnten Wirklichkeit stört, der bisher Schutz geboten hat. Lassen Sie mich eine Szene aus Jean-Paul Satres “Der Ekel” eine von vielen möglichen Szenen anführen, wo Antoine Roquentin in der merkwürdigen Einsamkeit des städtischen Parks von Bouville auf die dunkle und faltige Masse einer Kastanienwurzel trifft, die ihm die nebensächliche und absurde Eigenheit der Existenz offenbart. Menschen des Parks. Menschen, die auf das Reale treffen. Menschen für die diese Erscheinungen sich wie unlösbare Rätsel darstellen, da der Schlüssel zu ihrer endgültigen Auflösung in Wahrheit nicht existiert. Dies sind nur Bilder. Unbewusste Erscheinungen des Sichtbaren. Das Bild enthält, wie Frangi richtig feststellt, immer etwas vom “Unendlichen” und ist daher die verklärte Inkarnation des Unendlichen. Darin besteht ihre tiefgründige “estimità”: ein Teil der Welt zu sein und zugleich eine Erscheinung zu sein, die die Bühne der Welt überschreitet."

Die Edition ist online und natürlich in unserer Galerie erhältlich.